01. September 2010
Clinicum Medizin Medien Austria

Sonderklasse Öffentliche Spitäler rüsten auf

Öffentliche Krankenhausträger versuchen bei Modernisierungen und Neubauten, den Anteil der Sonderklassebetten zu erhöhen – die Zimmer werden kleiner und besser ausgestattet. Das bringt private Kliniken unter Druck und könnte für die Versicherungen teurer werden.

Von Martin Rümmele

Es klingt wie eine Kampfansage, und eigentlich ist es das auch. Dr. Wilhelm Marhold, Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbunds (KAV), will bei allen Renovierungen und Neubauten von Wiener Krankenhäusern den Anteil der Sonderklassebetten deutlich erhöhen und deren Komfort verbessern. „Wir sind bestrebt, den Anteil der Sonderklasseeinnahmen durch die Verbesserung der Hotelkomponente zu erhöhen. Wir wollen dem verstärktes Augenmerk schenken – immerhin sind das ja Einnahmen für uns“, sagt Marhold.

Tatsächlich hält der Krankenanstaltenverbund derzeit bei einem Anteil von 15 Prozent Sonderklassebetten – rein rechtlich können bis zu 25 Prozent der Betten in einer Abteilung Sonderklassebetten sein. Die Einnahmen aus diesem Bereich machten zuletzt knapp 23,5 Mio. Euro für die Wiener aus, das sind rund fünf Prozent der Gesamteinnahmen. Nach oben ist hier also noch durchaus Luft. Angesichts der angespannten Finanzsituation im Gesundheitswesen und der steigenden Kosten, die generell den Spitalsbereich in Österreich prägen, sind die Pläne von Marhold durchaus nachvollziehbar.

Doch der Krankenhausmanager geht noch einen Schritt weiter und stellt den Privatkliniken und Ordenskrankenhäusern, die gerade im Ballungszentrum Wien bisher weit höhere Sonderklasseanteile haben, die Rute ins Fenster. „Uns ist bewusst, dass wir uns hier am freien Markt bewegen. Wir stellen uns dieser Herausforderung.“ Das medizinische Angebot in den öffentlichen Krankenhäusern sei sowieso top, ist Marhold überzeugt, jetzt schaffe man eben bessere Bedingungen für die Sonderklasse. Das derzeit in Planung befindliche Krankenhaus Wien-Nord werde künftig nur noch Ein- und Zweibettzimmer haben, kündigt der KAV-Generaldirektor an. Die Sonderklasse werde in den Einbettzimmern forciert.

Allgemeiner Trend

Der KAV ist nicht die einzige öffentliche Krankenhausgruppe in Österreich, die diesen Weg geht. Auch die Oberösterreichische Gesundheits- und Spitals AG (Gespag) versucht bei Modernisierungen und Neubauten seit einiger Zeit, den Anteil der Sonderklassebetten zu erhöhen. „Unsere Neubauten wurden so konzipiert, dass wir nur noch Vier-Bett-Zimmer haben bei denen wir bei Bedarf jeweils zwei Betten rausnehmen können und damit ein Zwei-Bett-Sonderklassezimmer haben“, sagt Gespag-Sprecherin Mag. Jutta Oberweger. In diesen Zimmern sei generell auch versucht worden, die Hotelkomponente zu verbessern. Bei den Oberösterreichern waren im Vorjahr 8,7 Prozent der Patienten Sonderklassepatienten. Die Gespag nahm dadurch immerhin 19,4 Millionen Euro ein – inklusive des ausrücklasses durch die behandelnden Ärzte. Forciert wurde die Strategie der stärkeren Sonderklasse auch in Kärnten beim Bau des jetzt eröffneten LKH Klagenfurt-NEU. Erst Anfang Juni wurde das neue Spital vom alten Standort in den Neubau übersiedelt. Insgesamt mussten mehr als 500 Patienten den Standort wechseln, für die Übersiedelung wurde eigens ein deutscher Spezialist engagiert. Die ganze Aktion kostete 400.000 Euro. Nicht weniger als zwölf Abteilungen mit 21 Bettenstationen wurden ins neue Haus verpflanzt: Medizinisch-technisches Gerät, Aktenordner und Tausende Umzugskartons mussten transportiert werden – rund 180 Lkw-Ladungen. Rund dreieinhalb Jahre wurde am neuen Krankenhaus gebaut, die Gesamtkosten werden mit 327 Mio. Euro beziffert. Der neue Spitalstrakt wurde auf einem Grundstück in der Größe von zehn Fußballfeldern gebaut. Durch Einsparungen bei Betten und in der Betriebsstruktur – und nicht zuletzt eben durch einen höheren Anteil von Sonderklasseeinnahmen – soll sich das Spital in den kommenden Jahren quasi selbst finanzieren. Dr. Peter Eichler, Vorstand der Krankenversicherung bei der UNIQA und Sprecher der privaten Krankenversicherer, sieht die Entwicklungen durchaus positiv.

Dass ihn und die Branche die zusätzlichen Angebote allerdings mehr Geld kosten werden, glaubt er nicht. „Wir zahlen eh schon genug. Und wir legen sicher nicht mehr Geld für Dinge drauf, die selbstverständlich sein sollten – es aber leider noch nicht sind.“ Sprich: Durch die Investitionen der öffentlichen Kliniken kommt die Sonderklasse für Eichler langsam dorthin, wo sie eigentlich sein sollte. Alle müssten sich bemühen, um das, was man von den Patienten bekomme, auch zu rechtfertigen. Der Privatversicherer kritisiert die öffentlichen Krankenhausträger allerdings auch scharf: „Die Sonderklasse wird von allen als Goldesel wahrgenommen. Gleichzeitig kommen wir aber mit den Anforderungsprofilen, die bei den Privaten längst üblich sind, nicht durch. Wir kommen hier im öffentlichen Bereich nicht weiter.“ Die einzige Krankenhausgruppe, bei der man ein solches Anforderungsprofil bisher zustande gebracht habe, sei laut Eichler die steirische Krankenanstaltengesellschaft m. b. H. (Kages). „Dort hat man sich in den vergangenen Jahren sehr bemüht.“ Negativbeispiel ist für den UNIQA-Manager hingegen die niederösterreichische Landesklinikenholding. Dort passiere im Vergleich zur Kages das Gegenteil – nämlich sehr wenig.

Sonderklasse genau definieren

Eichler stellt aber auch jenen Krankenhausgruppen, die derzeit kräftig investieren, die Rute ins Fenster. Es müsse in der Sonderklasse ein absolutes Niveau geben. Soll heißen: Man muss genau definieren, was die Sonderklasse ist und bietet. Nur dann lasse sich nämlich eine Zahlung rechtfertigen. Derzeit bietet bzw. garantiert die Sonderklasse in der Hotelkomponente ein Zwei-Bett-Zimmer. Wenn nun die öffentlichen Krankenhäuser den Anteil der Zwei-Bett-Zimmer generell erhöhen würden, wie dies in Klagenfurt oder Wien-Nord der Fall sei, dann könne sich als logische Konsequenz die Sonderklasse nur noch durch Ein-Bett-Zimmer unterscheiden, sagt Eichler. „Es braucht einfach einen Unterschied zwischen Sonderklasse und allgemeiner Klasse. Sonst fehlen die Argumente für eine Zahlung durch die Versicherungen.“

Der Versicherungsmanager erhöht damit wie KAV-Generaldirektor Dr. Wilhelm Marhold auch den Druck auf die privaten Krankenhäuser. Deren Sprecher, der Geschäftsführer der Premiamed-Gruppe, Mag. Julian Hadschieff, scheut sich vor der Konfrontation allerdings laut eigener Aussagen nicht. „Unsere Erfahrung ist, dass die Ausstattung und Größe der Zimmer nicht so wichtig sind wie die persönliche Betreuung.“ Natürlich stehe man im Wettbewerb, und dem stelle man sichauch. Das sei auch eine positive Entwicklung für die Patienten. Hadschieff beobachtet wie Eichler einen Trend zu Ein-Bett-Zimmern, denen die Versicherungen mit eigenen Zusatzpaketen, die zusätzlich zur stationären Sonderklasse buchbar sind, auch Rechnung tragen.

Auch andere Kriterien berücksichtigen

„Wir werden den Anteil der Ein-Bett-Zimmer sicherlich auch erhöhen“, kündigt Hadschieff an. Nachsatz: „Es geht den Patienten aber nicht nur um Marmor an der Wand und goldene Türklinken.“ Die Branche erhebe seit vielen Jahren die Patientenzufriedenheit und habe dabei immer wieder festgestellt, dass nicht die Zimmerausstattung, sondern die Freundlichkeit und Kompetenz des Personals sowie das Eingehen auf die persönlichen Bedürfnisse und die individuelle Betreuung wichtig seien.

Eine Tendenz, die auch UNIQA-Manager Eichler bestätigt: „Die Komfortkomponente ist sicherlich wichtig, aber nicht das Wichtigste.“ Es gehe den Zusatzversicherten auch um die freie Arztwahl und die Möglichkeit, Termine aussuchen zu können. „Einfach gesprochen: Es geht nicht ums Schöner-Liegen, sondern darum, mehr Einfluss auf die medizinische Behandlung nehmen zu können – wenn ich es vorsichtig ausdrücke.“ Man verwende seit Jahren sehr viel Energie darauf, diese Komponenten zu verbessern, sagt Hadschieff und sieht darin auch die beste Antwort auf die Investitionen in den öffentlichen Krankenhäusern. Und er bekommt darin auch eine Bestätigung durch Eichler, als Sprecher der privaten Versicherer: „Die Privatkrankenhäuser sind dem öffentlichen Bereich in Sachen Service und bei den Softfacts sicher weit voraus.“ Die Patienten würden das durchaus spüren und deshalb auch eher in die Privatspitäler und Ordenskliniken gehen. „Die Menschen schauen sich das an und stimmen mit den Füßen ab. Und derzeit gehen sie ganz klar zu den Privaten und Gemeinnützigen.“

Finanzielle Aspekte

Wie spannend das Match in diesem Bereich ist, zeigt jedenfalls auch ein Blick in die Bilanzen. Acht Versicherungsunternehmen mit Hauptsitz in Österreich bieten eine private Krankenversicherung an, davon sieben eine Krankenhauskostenversicherung, acht eine Krankenhaustagegeldversicherung, fünf eine Krankengeldversicherung,fünf eine Zahnkostenversicherung, vier eine Pflegetaggeldversicherung und drei eine Pflegekostenversicherung. Eichler beobachtet hier vor allem einen Trend zu Zusatzprodukten, wie Ein-Bett-Versicherungen. In der Krankenversicherung sind nach Vorliegen der letzten verfügbaren Daten die Prämieneinnahmen im Jahr 2008 um 3,5 Prozent auf 1,535 Milliarden Euro gestiegen. Die Gesamtleistungen lagen im Jahr 2008 bei 1,047 Milliarden Euro, teilt der Versicherungsverband Österreich mit. Insgesamt wurden in den Krankenhaussektor zuletzt 743 Millionen Euro gezahlt – das sind knapp zehn Prozent der Gesamtkosten. Etwa vier Milliarden kommen von den Krankenkassen, der Rest im Wesentlichen von Ländern und Gemeinden. Von den Privatversicherungsgeldern flossen wiederum etwa 45 Prozent direkt an die Krankenhausträger – also rund 330 Millionen Euro. Umgekehrt zahlten im Vorjahr die sozialen Krankenversicherungen an die Privatkrankenanstalten im Jahr 2008 rund 90 Millionen Euro für Leistungen der Privatspitäler für die eine Leistungspflicht der sozialen Krankenversicherung besteht. Abgewickelt werden dies Zahlungen über den sogenannten Privatkrankenanstalten-Finanzierungsfonds (PRIKRAF). Die von den Privatkliniken erbrachten Leistungen werden vom PRIKRAF nach den Regeln der leistungsorientierten Krankenanstaltenfinanzierung überprüft und in weiterer Folge abgegolten. Finanziert wird der PRIKRAF von den Gebiets- und Betriebskrankenkassen sowie den Sonderversicherungsanstalten. Der Ausbau der Angebote bei privaten und öffentlichen Krankenhäusern bringt innerhalb der Versicherungszahlungen allerdings auch Verschiebungen, sind Experten überzeugt. Taggeldversicherungen könnten nämlich auch dazu führen, dass manch zusatzversicherter Patient sich aufgrund der zu geringen Unterschiede zwischen Sonderklasse und allgemeiner Klasse für die allgemeine Klasse entscheidet und dann umgekehrt von der Versicherung den Taggeldersatz selbst kassiert. Passiert das, würde es für die Versicherungen selbst zu keinen Mehrbelastungen kommen, sagen Versicherungsexperten. Die Krankenhäuser könnten dann allerdings durch die Finger schauen. Die erhofften Zusatzeinnahmen durch die besseren Zimmerangebote bleiben dann aus, das Geld kassieren die Patienten und nicht die Spitäler.

Private Krankenversicherung

Die private Krankenversicherung wird in ihren beiden Hauptformen, der Krankenhauskostenversicherung und der Taggeldversicherung, angeboten. Die Leistungen sind abhängig vom jeweiligen gewählten Tarif. Die Krankenversicherer verwenden viele differente Tarife und unterschiedliche Allgemeine Versicherungsbedingungen. Es gibt keine Musterbedingungen mehr für den österreichischen Markt.

Die private Krankenversicherung ist ganz generell ein lebenslanges Vertragsverhältnis – mit Ausnahme der Gruppenversicherung, der Krankengeldversicherung und der Zahnversicherung, sodass Befristungen und ein ordentliches Kündigungsrecht des Versicherers etwa bei zunehmenden Erkrankungen der Patienten ausgeschlossen werden.

Allerdings kann es Prämienanpassung geben, für die objektivierbare und überprüfbare Anpassungsfaktoren gelten. Dazu gehören ein vereinbarter Index, die Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung der Versicherten dieses Tarifs, die Häufigkeit der Inanspruchnahme der Leistungen und deren Aufwendigkeit bezogen auf die Versicherten dieses Tarifs, Kostensteigerungen der gesetzlichen Sozialversicherungen sowie Änderungen im Gesundheitswesen. Die privaten Krankenversicherer haben zwingend eine Alterungsrückstellung zu bilden, um zu verhindern, dass die höhere Krankheitsanfälligkeit der älteren Menschen, die meist über geringere Einkommen verfügen, dazu führt, dass die Prämien entsprechend dem Risiko ansteigen. Aus diesem Grunde sind die Prämien der jüngeren Versicherten höher, als es ihrem Risiko entspricht.

Der Versicherungsschutz selbst erstreckt sich grundsätzlich auf die Behandlung von Krankheiten, die während des Bestands des Versicherungsvertrags entstanden sind – außer anderslautenden Vereinbarungen –, von Vertragsbeginn an ist üblicherweise eine Wartezeit vorgesehen, die dazu führt, dass für die während dieser Zeit behandelten Erkrankungen bis zum Abschluss der Behandlung dieser Erkrankungen kein Versicherungsschutz besteht. Die Wartezeit entfällt üblicherweise bei Unfällen und bestimmten Infektionskrankheiten. Der Versicherungsschutz tritt also in vollem Umfang erst nach Ablauf der Wartezeit in Kraft (mindestens drei Monate, besondere Wartezeiten sechs Monate oder zwölf Monate). Eine Besonderheit besteht in der Prämienrückerstattung bzw. Gewinnbeteiligung bei bestimmten Tarifen an die Versicherten, die über einen gewissen Zeitraum keine Versicherungsleistungen in Anspruch genommen haben.
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© MMA, CliniCum 6/2010
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