03. September 2010
Clinicum Medizin Medien Austria

Medizinprodukte Transparenz fehlt völlig

Zum Teil heftige Diskussionen hat die jüngste CliniCum-Titelgeschichte über die hohen Preise für Medizinprodukte in Österreich ausgelöst. Angesichts der Komplexität und Breite des Themas scheuen sich aber selbst offizielle Stellen vorerst, für Transparenz zu sorgen.

Von Martin Rümmele

Herzschrittmacher, die in Österreich satte 275 Prozent mehr als in Deutschland kosten, Defibrillatoren, die bis zu 300 Prozent teurer sind, und Nahtmaterial oder auch zementfreie Hüften mit Preisdifferenzen von 150 Prozent – die Titelgeschichte über eine Medizinprodukte-Studie in der vergangenen Ausgabe des CliniCum hat in der Gesundheitsbranche für einige Diskussionen gesorgt. Bis zu 20 Prozent – so schätzen Experten – könnten bei Medizinprodukten in Summe eingespart werden, wenn die Preise an ein internationales Niveau angeglichen werden.

Wie berichtet entfallen rund 19 Prozent der Ausgaben in Österreichs Krankenhäusern auf medizinische Verbrauchsgüter. In Summe sind das dann etwa 1,6 Milliarden Euro. Die Krankenhäuser könnten in Summe bei entsprechenden Einkaufsverhandlungen bist zu 320 Millionen Euro einsparen.

Stellungnahmen

Angesichts der wachsenden Ausgaben und steigenden Defizite bei den Krankenhausträgern ein nicht zu vernachlässigender Bereich. Müsste man meinen. Und das meint auch etwa Dr. Hans-Jörg Schelling, Verbandsvorstand im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger.

Die Krankenkassen hätten in ih rem Bereich bei Medizinprodukten jedenfalls den Sparstift bereits angesetzt, erzählt er. 2002 seien die Preise in Österreich noch günstiger gewesen, schildert er, dann seien sie aufgrund internationaler Entwicklungen um 15 bis 20 Prozent gestiegen. „Wir verhandeln ständig. Mit Hörgeräteakustikern und bei Inkontinenzprodukten haben wir jetzt auch gerade entsprechende Gespräche abgeschlossen und konnten hier Einsparungen erzielen.“

Schelling, der als langjähriger Manager in der Privatwirtschaft und dort vor allem im Möbelhandel Erfahrung mit Einkaufsmöglichkeiten gesammelt hat, empfiehlt den Verantwortlichen in den Spitälern, in allen Bereichen „genau hinzuschauen“. „Wir haben mit allen Bereichen und Anbietern verhandelt – bis hinunter zu den Orthopädieschuhmachern.“ Natürlich müsse man dort auch differenzieren, wenn es um die Versorgung der Patienten gehe. Manchmal rechtfertige eine gute und wohnortnahe Versorgung auch höhere Preise. Generell zeige sich aber, dass ein zentraler Einkauf, helfe, Kosten zu senken, sagt Schelling.

Das Problem der Krankenkassen sieht er in der Organisation des heimischen Gesundheitswesens. Da die Kassen für die Spitäler ja einen pauschalierten Fixbetrag von rund einem Drittel ihrer Einnahmen überweise, aber keine Mitsprachemöglichkeiten habe, sei man auf die Sparbereitschaft der Spitalsträger angewiesen. Und man habe auch zu wenig Einblick in die tatsächlichen Kostenstrukturen. „Am besten sehen wir bei der Industrie die Strukturen im Arzneimittelbereich, wo es um börsennotierte Unternehmen geht und die Bilanzen offengelegt werden.“ Dennoch machen die Kassen Druck. Bereits im März hatte Schelling die Krankenhausträger kritisiert. Die Kassen seien aufgrund der bei ihnen eingeleiteten Sparbemühungen keine „kranken Kassen“ mehr, sagte er. Das Gesamtsystem liege aber noch auf der Intensivstation, weil es zu einrichtungsorientiert sei. Ähnlich argumentiert auch das Gesundheitsministerium.

Der Krankenhausbereich sei Sache der Träger und im öffentlichen Bereich vor allem der Länder. Wenn es hier um Sparbemühungen gehe, sei es Sache des Finanzministers, das mit den Bundesländern über den Finanzausgleich zu diskutieren, lässt Gesundheitsminister Dr. Alois Stöger über seine Sprecherin Mag. Sigrid Rosenberger ausrichten. Man gehe aber davon aus, dass es in den patientenfernen Bereichen sehr wohl ein Kostendämpfungspotenzial gebe, sagt Rosenberger. Generell gelte es im gesamten Gesundheitswesen, die Mittel möglichst effizient und zum größten Nutzen der Patienten einzusetzen.

Sehr zurückhaltend gibt sich auch noch der Rechnungshof. Man will die hohen Preisunterschiede zwischen Deutschland und Österreich nicht kommentieren und habe zwar Querschnittsprüfungen zwischen einzelnen Krankenhäusern und Träger gemacht und hier Unterschiede festgestellt, aber für einen genau Analyse müsste man EU-weite Vergleiche anstellen, was sicher interessant wäre. Das Problem sei allerdings, dass jedes Produkt oft sehr unterschiedlich angeboten werde. Da gebe es meist technisch deutliche Unterschiede. Zudem hänge die Preissituation auch von der jeweiligen Menge ab.

Schwierige Situation

Wie schwierig die Situation tatsächlich ist, hat auch der ehemalige Geschäftsführer der Salzburger Landeskliniken (SALK), Dr. Max Laimböck, in seinem Buch „Die Zukunft des österreichischen Gesundheitswesens“ beschrieben. Er fordert darin eine Entpolitisierung in den Strukturen. „Die deutschen Krankenhäuser waren für die Industrie bis zum Ende der 90er Jahre ein Hochpreisland Europas. Mit der Entpolitisierung der Krankenhäuser und der Entlassung in die wirtschaftliche Selbstständigkeit übten die Krankenhäuser verstärkten Druck auf Standardisierungen und Einkaufskooperationen auf die Industrie aus“, schreibt Laimböck. Das Ergebnis sei, dass das deutsche Preisniveau heute deutlich unter dem österreichischen liege. Eine Analyse durch ein Consultingunternehmen habe für die SALK ein um rund 22 Prozent höheres Preisniveau gegenüber Deutschland ergeben. Mit einer Produktstandardisierung und Reduzierung der Artikelzahl durch die Einbeziehung der Nutzer, die herstellerunabhängige Bezeichnung aller Artikel und der Neuausschreibungen von sechs Produktgruppen konnte Laimböck nach eigenen Angaben die Einkaufspreise um durchschnittlich ein Drittel reduzieren.

Sparpotenzial

Wie berichtet ist das auch der Weg, den andere Spitalsgruppen bereits verstärkt gehen. Bei der oberösterreichischen Spitalsgesellschaft (Gespag) versucht man etwa wie berichtet, durch das geschickte Schnüren von Einkaufspaketen, Lieferanten zu Preisreduktionen zu bewegen. Zwar könne man nicht so einfach verhandeln, weil man als öffentlicher Träger ja dem Vergaberecht unterliege, dennoch habe es immer wieder Pakete gegeben, wo man zehn bis 20 Prozent ohne Probleme einsparen konnte, sagt Ing. Manfred Kurz, Leiter des Gespag-Beschaffungsmanagements.

Wie hoch die Preisunterschiede zu Deutschland sind, kann aber auch er nicht sagen. Er bestätigt aber, dass es für bestimmte Produktbereiche in Österreich ganz andere Preisgefüge gebe und er auch „schon gehört“ habe, dass die Unterschiede zum Teil „erheblich“ sein sollen.

Österreich weise die stärksten Spitalskostensteigerungen und die höchsten Spitalskosten pro Kopf in der EU auf. Dies sei nicht nachhaltig zu finanzieren und damit in Hinblick auf ein solidarisch finanziertes Gesundheitswesen problematisch, erklärte auch Dr. Thomas Czypionka, Gesundheitsökonom am Institut für Höhere Studien (IHS), bei der Präsentation einer entsprechenden Untersuchung der Ordensspitäler. Es sei die Pflicht aller Beteiligten, gegebene Effizienzpoten- ziale zu heben, um auch langfristig ein tragfähiges Gesundheitswesen für alle gewährleisten zu können. Effiziente Spitäler haben nach Meinung von Dr. Michael Heinisch, Geschäftsführer der Vinzenz-Gruppe und Mitglied der Bundesgesundheitskommission, schon längst Teilbereiche des Krankenhausbetriebs zu externen Dienstleistern ausgelagert.

Das Outsourcing von Supportleistungen wie die Speisenversorgung, das Facility Management oder die Reinigung haben Einsparungseffekte von bis zu 20 Prozent zur Folge – ohne jeden Qualitätsverlust. Effiziente Spitäler leben für Heinisch in Kooperationen. Der Abgleich der medizinischen Fachbereiche der Krankenhäuser der Barmherzigen Schwestern und der Barmherzigen Brüder in Linz etwa habe zu einer Spezialisierung und zu einem Qualitätsschub für die Patienten geführt. Nicht klientelpolitisches Kalkül dürfe Entscheidungen leiten, sondern nur das Streben nach bester Qualität für die Patienten, sagt Heinisch. Verschwendung von Geld in Strukturen oder Leerläufen sei unethisch. Es gehe also nicht um undifferenzierte Einsparungen, sondern um zielgerichtete Investitionen.

Kein Kommentar

Dennoch bleibt der Bereich vorerst im Dunkeln. Die Hersteller von Medizinprodukten wollten trotz mehrmaliger Versuche zur Kritik überhöhter Preise keine Stellungnahmen abgeben. Die Politik wiederrum blickt vor allem auf die Strukturen. „Ziel einer Spitalsreform ist eine zentrale Planung und Steuerung gemeinsam mit einer Finanzierung aus einem Topf“, erklärt etwa Dr. Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung Sozialpolitik und Gesundheit der Wirtschaftskammer Österreich sowie Initiator und Geschäftsführer der Plattform Gesundheitswirtschaft. Er möchte eine Neuordnung der Krankenhauspolitik und andere Steuerungsmechanismen. Einsparungen bei Lieferanten kommentiert er kaum. Die Plattform will nach eigenen Angaben auch die „Chancen und Möglichkeiten im wachsenden Gesundheitsmarkt“ nutzen. Initiatoren neben Gleitsmann: der Chef der Privatklinikengruppe Premiamed, Mag. Julian Hadschieff, sowie Mag. Ulrike Domany-Funtan von der Johnson & Johnson Medical Products GmbH – einem der größten Hersteller von Medizinprodukten.

e-Medikation: Startschuss für die Vorbereitung

Die e-Medikation nimmt langsam konkretere Formen an. Mit einem Symposium gab der Hauptverband vergangene Woche den Startschuss für die Vorbereitung der Pilotversuche.

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© MMA, CliniCum 6/2010
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