Prof. Dr. Kevin Warwick war der erste Mensch, der sich einen Chip implantieren ließ und sein Nervensystem mit dem Internet verband. Der umstrittene Visionär träumt davon, aus der Verbindung von Mensch und Maschine neue Wesen zu erschaffen: Cyborgs.
Von Mag. Michael Krassnitzer, MAS
Viele Worte verliert der von Arnold Schwarzenegger verkörperte Cyborg in dem Film „Terminator“ nicht. „I’ll be back“ ist einer von nur 17 Satzen, die das mundfaule Mischwesen aus Mensch und Maschine von sich gibt. Mit diesem berühmten Filmzitat pflegt Prof. DDr. Kevin Warwick seine Vorträge, die er in aller Welt halt, zu beenden. Der Professor für Kybernetik an der Reading University, Großbritannien, ist nämlich überzeugt, dass die Zukunft eine Symbiose von Mensch und Computer mit sich bringen wird. Eines seiner populären Bucher trägt den Titel „I, Cyborg“. Bei dem Symposion „Android & Eve“ in Wien berichtete der Wissenschaftler von seinen teils umstrittenen Experimenten. Derzeit arbeitet Warwick daran, sogenannte Hirnschrittmacher, die bei Morbus Parkinson durch gezielte elektrische Stimulation tiefliegende Areale des Gehirns beeinflussen, intelligenter zu machen. Der Kybernetiker arbeitet an einem neuartigen Stimulator, der nur dann Impulse aussendet, wenn die Symptome (Tremor, Steifigkeit, Bradykinese) akut werden. „Mittels künstlicher Intelligenz lassen sich im Elektroenzephalogramm von Parkinson-Patienten verborgene Muster aufspüren, die rund 15 Sekunden vor Ausbruch des Tremors auftreten“, erklärt Warwick.
Verschiedene Projekte
Ein anderes aktuelles Projekt ist die Entwicklung eines Roboters mit einem biologischen Gehirn. Der Körper besteht aus einem Gestell, einem Motor, Rädern und diversen Sensoren, das „Gehirn“ aus einem Mulitielektrodenarray (MEA), mit dem 128 neuronale Signale aufgenommen oder abgegeben werden konnen, und einer damit verbundenen Kultur von rund 100.000 Gehirnzellen. „Binnen Tagen lernt ein derartiger Roboter, sich durch das Labor zu bewegen, ohne ununterbrochen gegen Wände und Möbelstücke zu fahren“, sagt Warwick.
Selbstversuche
Bekannt geworden ist Warwick mit spektakulären Selbstversuchen. 1998 lies er sich als erster Mensch einen Transponder in seinen linken Unterarm implantieren. Der Sender, welcher die Bewegungen des Professors durch das Universitätsgelande verfolgte, war mit dem Zentralrechner der Universität verbunden. Das Signal des Transponders offnete Warwick alle automatischen Türen, schaltete Beleuchtung und Heizung an und loggte seinen Trager in Computer ein, ohne dass dieser einen Finger krümmen musste. Vier Jahre spater folgte schließlich die zweite Phase dessen, was Warwick „Projekt Cyborg 2.0“ nennt: In einer zweistündigen Operation wurde dem Kybernetiker ein Mikrochip mit 100 Elektroden implantiert, die direkt mit dem Mittelarmnerv seines linken Arms verbunden waren.
Mithilfe dieses speziellen neuronalen Interfaces könnte Warwick Signale aus seinem Nervensystem an einen Computer schicken und damit einen elektrischen Rollstuhl oder eine eigens dafür entwickelte Roboterhand bewegen. Via Internet funktionierte dies auch über weite Entfernungen. „Mein Nervensystem hatte sogar eine eigene IP-Adresse“, schmunzelt der Professor.
Science-Fiction?
Warwick traumt davon, Menschen und Maschinen zu verschmelzen und damit Cyborgs zu erschaffen. Der Kybernetiker entwirft Zukunftsvisionen, nach denen der Speicherplatz des Gehirns mit zusätzlichen Festplatten erweitert wird, UV- oder Infrarotsensoren als zusätzliche Sinnesorgane fungieren und Gehirne zwecks reibungsloser Kommunikation direkt miteinander verbunden werden können.
Kritiker werfen Warwick immer wieder vor, den Boden der Wissenschaft verlassen zu haben und in Science-Fiction abgedriftet zu sein. Auch nach seinem Vortrag in Wien wiesen Zuhorer bei der anschließenden Podiumsdiskussion auf die mit dem „Upgrading“ des Menschen verbündenen Gefahren hin und meldeten Zweifel am wissenschaftlichen Wert von Warwicks Experimenten an. Dagegen verwehrt sich der Kybernetiker: „Wissenschaft muss alle Möglichkeiten ausloten! Jeder Wissenschaftler weis: Entdeckungen können für Gutes verwendet, aber auch für Schlechtes missbraucht werden.“ Woran er arbeite, käme beispielsweise Kranken zugute, betont Warwick und verweist auf seine Forschungen in Sachen Hirnstimulation bei Parkinson-Patienten. Gegen Science-Fiction, sofern sie eine philosophische Dimension habe, hat Warwick nichts einzuwenden. „Die Idee, direkt von Gehirn zu Gehirn zu kommunizieren, ist vom wissenschaftlichen Standpunkt aus faszinierend. Wenn es dazu kommt, dann möchte ich dabei sein.“
„Cyborg Experiments“, Vortrag auf dem Symposion „Android & Eve – Bridging biology, medicine and technology“, Wien




