Morbus Crohn und Colitis ulcerosa werden häufig erst sehr spät diagnostiziert und oft nur inadäquat behandelt. Experten fordern mehr Weiterbildung.
Bei chronisch entzündlichen Darmkrankheiten bewirkt die fehlende oder zögerliche Weiterleitung der Patienten durch den erstversorgenden Arzt an den Spezialisten eine Verzögerung der Diagnosestellung um durchschnittlich 3,1 Jahre.“ Diesen Vorwurf erhob Univ.- Prof. Dr. Walter Reinisch von der Klinischen Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie an der Medizinischen Universität Wien kürzlich bei einer Round- Table-Veranstaltung zum Thema Morbus Crohn/Colitis ulcerosa. „Chronisch entzündliche Darmkrankheiten haben in der Ärzteschaft und bei den Entscheidungsträgern der Gesundheitspolitik nur eine geringe Wertigkeit“, bedauert der Leiter der Arbeitsgruppe „Chronisch entzündliche Darmkrankheiten“ der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie (ÖGGH).
Familiäre Häufung.
Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind lebenslange, unheilbare Erkrankungen mit progressivem Verlauf, welche die Lebensqualität dramatisch beeinträchtigen und zu wiederholten operativen Eingriffen (intestinale Resektion oder Kolektomie) führen. Die Ursachen der beiden Krankheiten, an denen schätzungsweise 30.000 bis 40.000 Österreicher leiden, sind unbekannt. Es gibt freilich familiäre Häufungen: Bei zehn Prozent der Patienten findet sich in der Familie zumindest ein weiterer Krankheitsfall. Ansteckend sind die Krankheiten nicht. Obwohl es sich dabei zusammen genommen um die zweithäufigste chronisch entzündliche Krankheit der inneren Medizin handelt, können laut einer Meinungsumfrage nur sieben Prozent der Österreicher etwas mit den Begriffen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa anfangen. Die beiden chronisch entzündlichen Darmkrankheiten beginnen meist in der Adoleszenz oder dem jungen Erwachsenenalter. Morbus Crohn fängt schleichend an: mit Durchfällen (selten blutig), Gewichtsverlust, Bauchschmerzen, Fieber, Müdigkeit und einem allgemeinen Krankheitsgefühl. Ursache für diese Symptome ist eine Entzündung des Darmes, die alle Schichten der Darmwand betreffen kann. Am häufigsten befallen ist der Übergang vom Dünndarm zum Dickdarm, die Krankheit kann aber auch jeden anderen Teil des Verdauungstrakt vom Mund bis zum After treffen. Typisch ist ein segmentales Befallsmuster, das heißt, erkrankte und gesunde Darmabschnitte wechseln einander ab.
Teure Medikamente.
Colitis Ulcerosa ist eine chronische Entzündung des Dickdarms. Die Krankheit beginnt mit blutigen Stühlen, Durchfällen, Schmerzen beim Stuhlgang sowie Dickdarmkrämpfen mit oder ohne Stuhlentleerung. Die Entzündung beginnt immer beim After und kann sich auf den gesamten Dickdarm ausbreiten. Je nach Ausdehnung und Schweregrad der Entzündung kann es zu Bauchschmerzen, Müdigkeit, Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit und allgemeinem Krankheitsgefühl kommen. Es gibt wirksame Medikamente gegen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. „Die Präparate sind allerdings teuer, ihre Verschreibung ist oft mit Hindernissen verbunden“, weiß Gastroenterologe Reinisch. Eine Diät ist nur sinnvoll, wenn bestimmte Nahrungsmittel nicht vertragen werden. Bei Versagen der medikamentösen Therapie oder schweren Komplikationen muss ein künstlicher Darmausgang angelegt werden. Wenn bei Colitis ulcerosa der Dickdarm entfernt werden muss, besteht die Möglichkeit, einen Pouch anzulegen: ein aus Dünndarmschlingen geformter Ersatz des Mastdarmes.
Weiterbildung.
Doch die Therapie setze für viele Patienten erst mit jahrelanger Verspätung ein, beklagt Reinisch. „Mangelndes Wissen sowie Verharmlosung der Symptomatik durch erstversorgende Ärzte bewirken verzögerte Diagnosestellung, inadäquate medizinische Versorgung und nicht selten die Anwendung nebenwirkungsreicher Medikamente wie Steroide“, erklärt der Spezialist.
Univ.-Prof. Dr. Manfred Maier, Leiter der Abteilung für Allgemeinmedizin der Medizinischen Universität Wien, nimmt die Hausärzte in Schutz: „Statistisch gesehen sieht ein Allgemeinmediziner alle fünf Jahre einen Patienten, der neu an Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa erkrankt ist.“ Chronische Erkrankungen haben es an sich, dass sie mit unspezifischen Symptomen beginnen - etwa mit Durchfall, zumeist dem ersten Symptom der chronisch entzündlichen Darmkrankheiten. Nichtsdestoweniger sieht Maier Handlungsbedarf: „Die ärztliche Ausbildung und Weiterbildung muss darauf ausgerichtet werden, auch anhand der unspezifischen Erstsymptome genau diese Patienten zu erkennen.“
Mag. Michael Kraßnitzer
1) Round Table „Morbus Crohn/Colitis ulcerosa - Bessere Versorgung für die Betroffenen“, AKH Wien, 11. 12. 2006
© MMA 2005, ärztemagazin 1/2007





